Die Liebe auf den ersten Blick

Am nächsten Nachmittag geschah etwas Außergewöhnliches: Hagedorn verliebte sich! Er tat dies im Hotelautobus, der neue Gäste vom Bahnhof brachte und den er, von einem kleinen Ausflug kommend, unterwegs bestieg. Einer der Passagiere war ein junges, herzhaftes Mädchen. Sie hatte eine besonders geradlinige Art, die Menschen anzuschauen. (Womit nicht nur gesagt werden soll, dass sie nicht schielte.) Neben ihr saß eine dicke, verstört gutmütige Frau, die von dem Mädchen «Tante Julchen» genannt wurde.

Hagedorn hätte Tante Julchens Nichte stundenlang anstarren können. Außerdem wurde er das Gefühl nicht los, das junge Mädchen schon einmal gesehen zu haben. Tante Julchen war ziemlich umständlich. Dass die Koffer auf dem Autobus verstaut worden waren, beschäftigte ihr Innenleben aufs lebhafteste. Bei jeder Kurve griff sie sich ans Herz und jammerte vor Schreck. Außerdem war ihr kein Berg zu niedrig - sie wollte seinen Vor- und Zunamen wissen. Hagedorn machte sich nützlich und log zusammen, was ihm gerade einfiel. Einige Fahrgäste, welche die Gegend von früher her zu kennen schienen, musterten ihn misstrauisch. Sie nahmen ihm seine frei erfundene Geographie ein bisschen übel.

Tante Julchen hingegen sagte: «Vielen Dank, mein Herr. Man kommt sich sonst vor wie in einer fremden Stadt bei Nacht. Jede Straße heißt anders, aber man kann die Schilder nicht lesen. Dabei war ich noch nie in den Alpen.

Das junge Mädchen sah ihn, um Nachsicht bittend, an, und dieser Blick gab ihm den Rest. Er lächelte blöde, hätte sich ohrfeigen können und erwog den Plan, aufzustehen und während der Fahrt abzuspringen.

Er blieb natürlich sitzen.

Vorm Hotel half er den beiden beim Aussteigen. Und da Tante Julchen das Abladen der Koffer aufs strengste überwachte, waren das junge Mädchen und er plötzlich allein.

«Das ist aber ein schöner Schneemann», rief sie.

«Gefällt er Ihnen?» fragte er stolz. «Den haben Eduard und ich errichtet. Und ein Bekannter, der eine große Schifffahrtslinie besitzt. Eduard ist mein Freund.»

«Aha!» sagte sie.

«Er hat leider seit gestern abgenommen.»

«Der Besitzer der Schifffahrtslinie oder Ihr Freund Eduard?»

«Der Schneemann», erwiderte er. «Weil die Sonne so sehr schien.»

Sie betrachteten den Schneemann und schwiegen verlegen.

«Wir haben ihn Kasimir getauft», erklärte er später. «Er hat nämlich einen Eierkopf. Und in solch einem Fall ist es ein wahres Glück, Kasimir zu heißen.»

Sie nickte verständnisvoll und zeigte auf die Teddybären, die neben Kasimir hockten. «Es sind Eisbären geworden. Ganz weiß. Wie nennt man das gleich?»

«Mimikry», gab er zur Antwort.

«Ich bin so vergesslich», sagte sie. «Was die Bildung anbelangt.»

«Werden Sie lange hier bleiben?» fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. «Ich muss bald wieder nach Berlin zurück.»

«Ich bin auch aus Berlin», meinte er. «Welch ein Zufall.

*

Geheimrat Tobler hielt, oben im fünften Stock, sein Nachmittagsschläfchen. In Bruckbeuren hatte er sich eigentlich, aus Hochachtung vor den Schönheiten der Natur, dieses Brauches entäußern wollen. Aber man war eben doch nicht mehr der Jüngste. Und so hatte er Johanns Heizsonne in Betrieb gesetzt, sich ins Bett gelegt und schlief.

Dann aber wurde die Tür aufgerissen. Er erwachte und blickte missmutig auf. Hagedorn stand vor ihm, setzte sich aufs Bett und sagte: «Wo hast du denn die Heizsonne her, Eduard?»

«Das ist 'ne Stiftung», bemerkte Schulze mit verschlafener Stimme. «Solltest du gekommen sein, um mich das zu fragen, so nennen wir uns wieder Sie!»

«Mensch! Schulze!» stieß Hagedorn hervor. «Ich musste es dir sofort sagen. Ich bin verloren. Ich habe mich soeben verliebt!»

«Ach, bleib mir mit deinen albernen Weibern vom Halse», befahl Eduard und drehte sich zur Wand. «Gute Nacht, mein Junge!»

«Sie ist kein albernes Weib», sagte Fritz streng. «Sie ist enorm hübsch. Und gescheit! Und Humor hat sie. Und ich glaube, ich gefalle ihr auch.»

«Du bist größenwahnsinnig!» murmelte Schulze. «Welche ist es denn? Die Mallebré oder die Circe aus Bremen?»

«Höre schon endlich mit denen auf!» rief Hagedorn entrüstet. «Es ist doch eine ganz andere! Sie ist doch nicht verheiratet! Das wird sie doch erst sein, wenn ich ihr Mann bin! Eine Tante ist mit dabei. Die hört auf den Namen Julchen.»

Schulze war nun wach geworden. «Du bist ein Wüstling!» sagte er. «Warte mit dem Heiraten wenigstens bis morgen! Du wirst dich doch nicht etwa in eine Gans vergaffen, die mit einer Tante namens Julchen auf Männerfang geht! Wir werden schon wen für dich finden.»

Hagedorn stand auf. «Eduard, ich verbiete dir, in einem derartigen Ton von meiner zukünftigen Gemahlin zu sprechen. Sie ist keine Gans. Und sie fängt keine Männer. Sehe ich vielleicht wie eine gute Partie aus?»

«Gott bewahre!» sagte Schulze. «Aber sie hat doch natürlich davon gehört, dass du ein Thronfolger bist!»

«Diesen Quatsch kann sie noch gar nicht gehört haben», meinte der junge Mann. «Sie ist nämlich eben erst aus Berlin eingetroffen.»

«Und ich erlaube es ganz einfach nicht», erklärte Schulze kategorisch. «Ich vertrete Mutterstelle an dir. Ich verbiete es dir. Damit basta! Ich werde dir schon eines schönen Tages die richtige Frau aussuchen.»

«Geliebter Eduard», sagte Fritz. «Schau sie dir erst einmal an. Wenn du sie siehst, wird dir die Luft wegbleiben!»

 

Hagedorn setzte sich in die Halle und behielt den Lift und die Treppe im Auge. Seine erste Begeisterung wich, während er ungeduldig auf das junge Mädchen und auf die Zukunft wartete, einer tiefen Niedergeschlagenheit. Ihm war plötzlich eingefallen, dass man zum Heiraten Geld braucht und dass er keines hatte. Früher, als er Geld verdiente, war er an die verkehrten Fräulein geraten. Und jetzt, wo er Tante Julchens Nichte liebte, war er stellungslos und wurde für einen Thronfolger gehalten!

«Sie sehen aus, als wollten Sie ins Kloster gehen», sagte jemand hinter ihm.

Er fuhr hoch. Es war Tante Julchens Nichte. Er sprang auf. Sie setzte sich und fragte: «Was ist denn mit Ihnen los?»

Er blickte sie so lange an, bis sie die Lider senkte. Er hustete und meinte dann: «Außer Herrn Kesselhuth und Eduard weiß es in dem Hotel noch kein Mensch. Ihnen muß ich es aber sagen. Man hält mich für einen Millionär oder, wie Eduard behauptet, für den Thronfolger von Albanien. Wieso, weiß ich nicht. In Wirklichkeit bin ich ein stellungsloser Akademiker.»

«Warum haben Sie denn das Mißverständnis nicht aufgeklärt?» fragte sie.

«Nicht wahr?» meinte er. «Ich hätte es tun sollen. Ich wollte es ja auch! Ach, ich bin ein Esel! Sind Sie mir sehr böse? Eduard meinte nämlich, ich solle den Irrtum auf sich beruhen lassen. Vor allem wegen der drei siamesischen Katzen. Weil er so gern mit ihnen spielt.»

«Wer ist denn nun eigentlich dieser Eduard?» fragte sie.

«Eduard und ich haben ein Preisausschreiben gewonnen. Dafür lassen wir uns hier gratis durchfüttern.»

«Von dem Preisausschreiben habe ich in der Zeitung gelesen», meinte sie. «Es handelt sich um ein Ausschreiben der Toblerwerke, ja?»

Er nickte.

«Dann sind Sie Doktor Hagestolz?»

«Hagedorn», verbesserte er. «Mein Vorname ist Fritz.»

Anschließend schwiegen sie. Dann wurde sie rot. Und dann sagte sie: «Ich heiße Hildegard.»

«Sehr angenehm», antwortete er. «Der schönste Vorname, den ich je gehört habe!»

«Nein», erklärte sie entschieden. «Fritz gefällt mir besser!»

«Ich meine die weiblichen Vornamen.»

Sie lächelte. «Dann sind wir uns ja einig.»

Er faßte nach ihrer Hand, ließ sie verlegen wieder los und sagte: «Das wäre wundervoll.»

*

Endlich trat Schulze aus dem Lift. Hagedorn nickte ihm schon von weitem zu und meinte zu Tante Julchens Nichte: «Jetzt kommt Eduard!»

Sie drehte sich nicht um.

Der junge Mann ging dem Freund entgegen und flüsterte: «Das ist sie.»

«Was du nicht sagst!» erwiderte Schulze spöttisch. «Ich dachte, es wäre schon die nächste.» Er trat an den Tisch. Das junge Mädchen hob den Kopf, lächelte ihm zu und meinte: «Das ist gewiß Ihr Freund Eduard, Herr Doktor. So hab ich ihn mir vorgestellt.»

Hagedorn nickte fröhlich. «Jawohl. Das ist Eduard. Ein goldnes Herz in rauher Schale. Und das ist ein gewisses Fräulein Hildegard.»

Schulze war wie vor den Kopf geschlagen und hoffte zu halluzinieren. Das Mädchen lud zum Sitzen ein. Er kam der Aufforderung völlig geistesabwesend nach und hätte sich beinahe neben den Stuhl gesetzt.

Hagedorn lachte.

«Sei nicht so albern, Fritz!» sagte Schulze mürrisch.

Aber Fritz lachte weiter. «Was hast du denn, Eduard? Du siehst wie ein Schlafwandler aus, den man laut beim Namen gerufen hat.»

«Gar kein übler Vergleich», meinte das junge Mädchen beifällig.

Sie erntete einen vernichtenden Blick von Schulze.

Hagedorn erschrak und dachte: ,Das kann ja heiter werden!' Anschließend redete er, fast ohne Atem zu holen, über den Lumpenball, und weswegen Schulze kein Kostümpreis erhalten hätte, und über Kesselhuths erste Skistunde, und über Berlin einerseits und die Natur andrerseits, und daß seine Mutter geschrieben habe, ob es in Bruckbeuren Lawinen gebe, und -

«Tu mir einen Gefallen, mein Junge», bat Eduard. «Hole mir doch aus meinem Zimmer das Fläschchen mit den Baldriantropfen! Ja? Es steht auf dem Waschtisch. Ich habe Magenschmerzen.»

Hagedorn sprang auf, winkte dem Liftboy und fuhr nach oben.

«Sie haben Magenschmerzen?» fragte Tante Julchens Nichte.

«Halte den Schnabel!» befahl der Geheimrat wütend. «Bist du plötzlich übergeschnappt? Was willst du hier?»

«Ich wollte nur nachsehen, wie dir's geht, lieber Vater», sagte Fräulein Hilde.

Der Geheimrat trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. «Dein Benehmen ist beispielslos! Erst informierst du, hinter meinem Rücken, die Hoteldirektion, und vier Tage später kommst du selber angerückt!»

«Aber Papa», entgegnete seine Tochter. «Der Anruf nützte doch nichts. Man hielt doch Herrn Hagedorn für den Millionär!»

«Woher weißt du das?»

«Er hat mir's eben erzählt.»

«Und weil er dir das eben erzählt hat, bist du vorgestern in Berlin weggefahren?»

«Das klingt tatsächlich höchst unwahrscheinlich», meinte sie nachdenklich.

«Und seit wann hast du eine Tante, die Julchen heißt?»

«Seit heute früh, lieber Vater. Willst du sie kennenlernen? Dort kommt sie gerade!»

Tobler wandte sich um. In ihrem zweitbesten Kleid kam, dick und kordial, Frau Kunkel treppab spaziert. Sie suchte Hilde und entdeckte sie. Dann erkannte sie den violett gekleideten Mann neben ihrer Nichte, wurde blaß, machte kehrt und steuerte schleunigst wieder auf die Treppe zu.

«Schaffe mir auf der Stelle diese idiotische Person herbei!» knurrte der Geheimrat.

Hilde holte die Kunkel auf den ersten Stufen ein und schleppte sie an den Tisch. «Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen?» fragte das junge Mädchen belustigt. «Herr Schulze - Tante Julchen.»

Tobler mußte sich, aus Rücksicht auf den neugierig herüberschauenden Portier, erheben. Die Kunkel reichte ihm, ängstlich und glücklich zugleich, die Hand. Er verbeugte sich förmlich, setzte sich wieder und fragte: «Bei euch piept's wohl? Was?»

«Nur bei mir, Herr Geheimrat», erwiderte Tante Julchen. «Gott sei Dank, Sie leben noch! Aber schlecht sehen Sie aus. Na, es ist ja auch kein Wunder.»

«Ruhe!» befahl Hilde.

Doch Frau Kunkel trat bereits aus den Ufern. «Auf Leitern klettern, die Eisbahn kehren, Kartoffeln schälen, in einer Rumpelkammer schlafen. ..»

«Kartoffeln habe ich nicht geschält», bemerkte Tobler. «Noch nicht.»

Die Kunkel war nicht mehr aufzuhalten. «Die Treppen scheuern, schiefe Wände haben Sie auch, und keinen Ofen im Zimmer, ich habe es ja kommen sehen! Wenn Sie jetzt eine doppelseitige Lungenentzündung hätten, kämen wir vielleicht schon zu spät, weil Sie schon tot wären! Es dreht sich einem das Herz im Leibe um. Aber natürlich, ob wir inzwischen in Berlin sitzen und jede Minute darauf warten, daß der Blitz einschlägt, Ihnen kann das ja egal sein. Aber uns nicht, Herr Geheimrat! Uns nicht! Ein Mann wie Sie macht hier den dummen August!» Sie hatte echte Tränen in den Augen. «Soll ich Ihnen einen Umschlag machen? Haben Sie irgendwo Schmerzen, Herr Geheimrat? Ich könnte das Hotel anzünden! Oh!» Sie schwieg und putzte sich geräuschvoll die Nase.

Tobler sah Tante Julchen unwillig an. «So ist das also», meinte er und nickte wütend. «Herr Kesselhuth hat geklatscht. Mit mir könnt ihr's ja machen.»

Seine Tochter sah ihn an. «Papa», sagte sie leise. «Wir hatten solche Sorge um dich. Du darfst es uns nicht übelnehmen. Wir hatten keine ruhige Minute zu Hause. Verstehst du das denn nicht? Die Kunkel und der Johann und sogar ich, wir haben dich doch lieb.»

Der Kunkel rollte aus jedem Auge je eine Träne über die knallroten Bäckchen. Sie schluchzte auf.

Geheimrat Tobler war unbehaglich zumute. «Las­sen Sie die blöde Heulerei!» brummte er. «Ihr be­nehmt euch ja noch kindischer als ich!»

«Ein großes Wort», behauptete seine Tochter.

«Kurz und gut», sagte Tobler, «ihr macht hier alles kaputt. Daß ihr's nur wißt! Ich habe einen Freund gefunden. So etwas braucht ein Mann! Und nun kommt ihr angerückt. Er stellt mich meiner eignen Tochter vor! Kurz vorher hat er oben in meinem Zimmer erklärt, daß er dieses Mädchen unbedingt heiraten wird!»

«Welches Mädchen?» erkundigte sich Hilde.

«Dich!» sagte der Vater. «Wie sollen wir dem Jungen nun auseinanderposamentieren, wie sehr wir ihn beschwindelt haben? Wenn er erfährt, wer Tante Julchen und deren Nichte und der Schifffahrtslinienbesitzer Kesselhuth und sein Freund Schulze in Wirklichkeit sind, guckt er uns doch überhaupt nicht mehr an!»

«Wer will Fräulein Hildegard heiraten?» fragte die Kunkel. Ihre Tränen waren versiegt.

«Fritz», sagte Hilde hastig. «Ich meine, der junge Mann, der Ihnen im Autobus die Namen der Berge aufgezählt hat.»

«Aha», bemerkte Tante Julchen. «Ein reizender Mensch. Aber Geld hat er keins.»

 

Das fünfzehnte Kapitel